EHRENPREIS: ŞENER ŞEN

So komisch und doch so dramatisch…

In Şener Şens Leben findet sich ein wichtiges, fast vergessenes Detail der türkischen Republik wieder… Sein Vater war Künstler. Oder besser gesagt Handwerkskünstler. Er war ein Schreiner. Eine der Einrichtungen, die die neu gegründete Republik schuf, um seine Bürger fortzubilden, waren die sogenannten ‚Volkshäuser‘, eine Art Volkshochschule. Als der Vater Ali Şen in seiner Heimat Adana für die Theatergruppe eines solchen Volkshauses die Kulissen baute, schluckte er Bühnenstaub und war schon bald verzaubert. In sehr kurzer Zeit konnte er auch sein Talent beweisen. Später zog Şen mit seiner Familie nach Istanbul. In dieser riesigen Stadt, deren ‚Steine und Erde‘ sprichwörtlich ‚aus Gold sind‘, arbeitete er vorerst weiter als Schreiner. Mit Hilfe des legendären Theaterschauspielers Muammer Karaca, den er aus Adana kannte, begann er zunächst mit kleinen Rollen am Theater, später dann kam das Kino.

Şener Şen hingegen hatte nach seiner Schulausbildung die verschiedensten Jobs und sammelte hier Erfahrungen, die er sich in seinen späteren Rollen zunutze machen würde. Er sagt über jene Zeiten: „Ich komme aus einer bürgerlichen Familie und Gesellschaftsklasse. Ich bin in dem Stadtteil Zeytinburnu in Gecekondus aufgewachsen. Das war ein kosmopolitischer Ort, wo Menschen aus allen Gesellschaftsschichten aufeinandertrafen. Vielleicht habe ich dort ganz unbewusst einige Dinge aufgeschnappt, die später dann zutage kamen.“ Danach hat er die Kepirtepe Lehrerschule absolviert und beschlossen, als Lehrer zu arbeiten. Es ist interessant, dass die türkische Popkultur ihn vor allem als den gerissenen aber gleichzeitig außerordentlich tollpatschigen Sportlehrer ‚Badi Ekrem‘ aus Hababam Sınıfı (Die Chaosklasse) kennt. Später, wird er in Gönül Yarası (Herzwunde) - einem seiner Filme aus ‚modernen Zeiten‘ - wieder einen Lehrer spielen, der jahrelang im Südosten der Türkei gearbeitet hat und nun in seine ‚Heimat‘ Istanbul zurückgekehrt ist.

War sein Vater sein Vorbild? Er hat keine klare Antwort auf diese Freud‘sche Frage, aber Şener Şen erklärt dies folgendermaßen: “Ich mochte das Kino nicht, ich hasste es sogar, weil ich die elende Situation meines Vaters sah. Da er kein Hauptdarsteller war, hat er nur wenig verdient, hatte kein regelmäßiges Einkommen und bekam nur Tagesgeld. Ich dachte mir, vielleicht kann ich für das Theater arbeiten, aber das Kino hatte ich niemals im Sinn. Außerdem hat man beim Theater regelmäßig Gehalt bekommen, wie ein Beamter. Ich wollte beim Stadttheater arbeiten. Ich war damals Lehrer, hatte den Beruf im Kopf aber schon abgeschlossen. Ich habe gekündigt und bin zurückgekehrt nach Istanbul…”
Die Rolle, die ihn dann doch und endgültig an die Leinwand gefesselt hat, war die Rolle des ‘Badi Ekrem’. Ertem Eğilmez, der Gründer des legendären und damals erfolgreichsten Filmstudios ‘Arzu Film’ sagte, “du spielst diese Rolle” und so wurde er Teil des Erfolgsteams. Eğilmez erkannte sehr schnell, wo das Talent Şener Şens lag und die Zeit hat gezeigt, wie recht er hatte.

Das Kino stand jetzt an erster Stelle für ihn, aber richtig gut verdient hat er immer noch nicht. Es war, als hätte er das Schicksal seines Vaters geerbt. Mit dem Film Namuslu (Der Ehrenhafte) kam dann der große Durchbruch. Die Tragikomödie, die den Werteverfall der damaligen Zeit behandelt, öffnete ihm auf immer und ewig die Toren zu den Hauptrollen. Şener Şen ist genauso wie der Regisseur Yavuz Turgul, in dessen Filmen Şener Şen in letzter Zeit nur noch spielt, eine unvergessliche Größe des türkischen Kinos, der Zeitzeuge des archaischen sowie des modernen Kinos des Landes ist… Er war nicht nur Schauspieler in Filmen wie Bizim Aile (Unsere Familie), Tosun Paşa, Süt Kardeşler (Die Milchbrüder), Çöpçüler Kralı (König der Müllmänner), Kibar Feyzo, Neşeli Günler (Glückliche Tage), Çiçek Abbas usw., sondern auch einer der besonderen Charaktere der Hababam Sınıfı - Reihe. In seinem ‘Soloabenteuer’ nach Namuslu sahen wir ihn in Produktionen wie Çıplak Vatandaş (Der nackte Bürger), Milyarder (Der Milliardär), Değirmen (Die Windmühle), Züğürt Ağa und Amerikalı (Der Amerikaner). Heutzutage treffen wir auf den Namen und das Gesicht Şener Şens, der nicht nur das Genre gewechselt, sondern auch einen Wandel in seiner Schauspielerei vollzogen hat, nur noch in den Dramen Yavuz Turguls… Jeder Schritt seines neuen Lebensabschnittes ist wichtig, aber zweifelsfrei hat er insbesondere mit dem Publikumserfolg Eşkıya sowohl in der Popkultur, als auch in der Filmgeschichte einen Sonderplatz eingenommen. Muhsin Bey, Aşk Filmlerinin Unutulmaz Yönetmeni (Der unvergessliche Regisseur von Liebesfilmen), Gölge Oyunu (Schattenspiel), Gönül Yarası (Herzwunde), Kabadayı (Für Liebe und Ehre) und Av Mevsimi (Jagdsaison) sind Werke der Turgul-Şen Zusammenarbeit. Şener Şen, der sehr wählerisch mit Rollenangeboten umgeht und sich den Luxus gönnt, Rollen, von denen er glaubt, dass sie nicht zu ihm passen, abzulehnen, hat sich mit seinen heiteren und dramatischen Charakteren schon längst auf ewig in unser visuelles und seelisches Gedächtnis eingeprägt. Das türkische Kino war mit ihm immer ganz besonders und wird es auch immer sein…

Uğur Vardan

Programm mit Şener Şen auf dem Festival